Babyklappen, ein Spiegel unserer Gesellschaft?

Johann Heinrich Pestalozzi „Gesetzgebung und Kindermord (1783)“. Diese Lektüre sei dem interessierten Leser ans Herz gelegt. @AEP-D.de
Mit dem Vorstoß des Deutschen Ethikrates ist die Diskussion um Babyklappen und die Möglichkeit der anonymen Geburt erneut entflammt. Dem Bürger wird wieder einmal bewusst wie weit entfernt unsere westliche Zivilisation von einer liberalen fürsorglichen Gesellschaft entfernt ist.
Nach dem Votum des Deutschen Ethikrates sollen die Babyklappen möglichst geschlossen werden. Bundesweit gibt es etwa 80 Babyklappen und 130 Kliniken in denen Frauen anonym entbinden können. Die Betreiber und Befürworter dieser Einrichtungen sollen die Zahl der Kindstötungen und Kindsaussetzungen verringern helfen.
Kontrovers diskutiert wurde die Frage, inwieweit das Persönlichkeitsrecht der Mutter mit ihrem Wunsch nach Anonymität, dem Grundrecht des Kindes auf Kenntnis seiner biologischen Abstammung und Integration in seine Familie entgegen steht. Im Gegenzug hierzu vertritt der Europäische Gerichtshof die Auffassung dass das Grundrecht des Kindes auf Kenntnis seiner biologischen Abstammung dem eigenen Recht auf Leben nach geordnet ist. Diese Rechtsposition vertreten auch viele Betreiber jener Babyklappen-Einrichtungen.
Johann Heinrich Pestalozzi (Gemälde, vermutlich von G. F. A. Schöner)
Die Problematik der ungewollten Schwangerschaft war in Europa seit dem Mittelalter ein existenzielles Problem von jungen Frauen, nicht nur in der muslimischen Kultur. Bereits der BerĂĽhmte Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi der zwischen 1746 und 1827 lebte machte sich hierzu Gedanken. Pestalozzi verfasste hierzu die Schrift “Gesetzgebung und Kindermord (1783)” die auch heute noch sehr lesenswert ist.
Auch wenn die Schrift schon über 224 Jahre alt ist hat dieses Thema, wie man sieht, nichts an Aktualität eingebüßt. Obgleich der Schreibstiel äußerst schwierig und mühsam zu lesen ist (damaliges Juristen-deutsch), bietet der vorliegende Text einen Einblick in das Leben und Werk von Pestalozzi und die existenziellen Probleme der damaligen schwangeren Frauen und unehelichen Kinder, deren Schicksal ihn bewegte. Pestalozzi schlägt den Bogen zurück ins Mittelalter und beschreibt wie das alte auf Abschreckung setzende Rechtssystem mit teilweise unmenschlichen öffentlichen Bestrafungen die Furcht vor Entdeckung der vermeintlichen unmoralischen Handlungen, jene allein gelassenen unehelich Gebärenden (denn die zeugenden Väter konnten sich oft verleugnen oder absetzen), oft zu finalen Kurzschlusshandlungen führte. Pestalozzi analysiert und deckt als erster seiner Zeit jene Mechanismen auf die wohl tausende junge Mütter in Ihr Schicksal trieb, deren größere Anzahl wohl aber unentdeckt blieb. Hierbei legt er besonders den Finger in die Wunde die durch eine übersteigerte Ordnungsgläubigkeit über Jahrhunderte gefördert durch patriarchalische und religiöse Moralvorstellung sich entwickelte Gesetzgebung und Ordnung. Die Auszüge im letzten drittel der Schrift aus den wörtlich wiedergegebenen Verhören der zumeist zum Tode verurteilten jungen Frauen geben die Hilflosigkeit und verzweifelte Situation jener Zeit wieder. Pestalozzi entwickelt die These dass zur Vermeidung des Kindsmords grundlegende Änderungen im Rechtssystem und Umgang mit Schwangeren zum Schutze dieser und der Ungeborenen nötig ist und fordert die Pflicht zur Hilfe von der Gesellschaft und Gerichtsbarkeit für jene Frauen ein. Er greift die verlogenen Moralvorstellungen jener Zeit an und entwickelt Lösungsansätze in Form von Regeln und Gesetzesänderungen bzw. Abschaffung der Sittengerichte. Pestalozzi ist als großer Pädagoge jedem Lehrer bekannt.
Vermutlich werden auch neue Vorschläge zu Gesetzesänderungen wie dies die CDU-Politikerin Ingrid Fischbach vorschlägt nicht viel an den Situationen ändern.
Besucher zum post: 25





